„Barfußroute“ wird während dieser Yacht-Überführung in die Karibik noch eines meiner Lieblingsworte. Denn im Moment mutet die Situation wenig karibisch an. Morgens um sieben lösen wir die Leinen am Steg von Construction Naval Bordeaux, um mit Ketoupa, einem 16-Meter Katamaran, erst die Biskaya und dann den Atlantik zu überqueren.

Fluss-Segeln im November

Klar: Anfang November herrscht im Westen Frankreichs auch kein anderes Klima als in Deutschland. So stehen wir also auf den ersten Seemeilen die Garonne abwärts mit der gesamten Mannschaft auf der Brücke, bewaffnet mit Ölzeug, Mützen und Handschuhen. Die ersten paar Stunden motoren wir, und nach und nach verziehen sich die ersten nach unten in den Salon. Ist halt wärmer und weniger windig. Einen Wachplan brauchen wir heute noch nicht, denn alle an Bord übernehmen freiwillig für eine Zeit das Ruder, um das Boot, seine Ausstattung und Manövrierfähigkeit kennenzulernen. Der Autopilot entwickelt sich schnell zu einem Freund der gesamten Crew, denn über das hydraulische Ruder hat man bei einem Kat dieser Größe nur sehr wenig Gefühl dafür, was man eigentlich macht. Also übt man sich lieber in Routenplanung und überlässt das eigentliche Steuern dem Computer.

Dieter und Günter auf der Flybridge
Dieter und Günter auf der Flybridge

Im Unterlauf wird die Gironde, die aus dem Zusammenfluss von Garonne und Dordogne entsteht, mehrere Kilometer breit. Dadurch können wir es uns gegen Mittag doch tatsächlich erlauben, die Fock zu setzen und – ohne Geschwindigkeitsverlust – einen der beiden Motoren abzuschalten. Die nächsten paar Stunden verlaufen relativ ereignislos. Ich beobachte die Betonnung und erinnere mich an mein Basiswissen aus den Segelkursen. Backbord rot, Steuerbord grün. Aber halt, wir fahren ja flussabwärts… In der Tat kann man sich da schonmal vertun, aber in den kommenden Tagen werden diese Dinge wieder so in Fleisch und Blut übergehen, dass es so natürlich wird wie für viele das Autofahren, und man gar nicht mehr über die Details nachdenken muss.

Mit 27 Tonnen im Wind

Nach einer Kursänderung halten wir auf Port Royan zu, ein Hafen an der Gironde-Mündung und der letzte Stopp vor dem Überqueren der Biskaya. Ich stehe zufällig am Steuer, und Jan fragt, ob ich den Kat anlegen möchte. Ich denke „Oh shit.“ Ich sage „Klar, mache ich. Naja, wenn du mir dabei ein bisschen hilfst.“ Dazu muss man wissen: Dies ist meine erste Erfahrung auf einem Katamaran, sowie die erste auf einem Boot dieser Größe. 24 Tonnen Verdrängung sagt die Spezifikation, mit Diesel, Wasser und Proviant sind wir locker bei 27. Der Puls geht ein bisschen in die Höhe, als wir mit langsamer Fahrt, unter Beobachtung der Umgebung sowie der elektronischen Seekarte auf dem Plotter vor mir, in den Hafen einfahren.

Mein Anlegemanöver auf dem Kartenplotter
Mein Anlegemanöver auf dem Kartenplotter

Am Ende ist alles halb so wild. Man könnte auch sagen: gar kein Problem. Zwar zeigt unser Boot bei weniger als zwei Knoten Fahrt praktisch keine Reaktion mehr auf Ruderbewegungen. Andererseits kann man aber mit den beiden unabhängig voneinander funktionierenden Motoren im Backbord- und Steuerbordrumpf quasi auf der Stelle wenden, wenn man will. So in etwa stelle ich mir die Steuerung eines Panzers vor. Zunächst gibt mir Jan detaillierte Kommandos („Steuerbord auskuppeln. Backbord leicht zurück.“ etc.), aber ich bekomme sehr schnell ein Gefühl dafür, wie die Ketoupa reagiert. Nach ein bisschen Rangieren auf der Suche nach einem Anlegeplatz finden wir schließlich einen, und selbst, als der Wind unsere 27 Tonnen gegen den Steg drücken will, fange ich die Bewegung wie ein alter Profi ab und lege weich und parallel an. Jan organisiert die Arbeit an den Festmachern, und als wir fest vertäut sind, mache ich die Motoren aus und genieße mit dem Rest der Crew ein wohlverdientes Anlegerbier.

Natürlich sind mir die skeptischen Blicke von Co-Skipper Peter und einigen anderen nicht verborgen geblieben, als mir Jan trotz meiner mangelnden Erfahrung die Verantwortung am Steuer übertragen hat. Für uns alle ist die Größe dieses Bootes eine Herausforderung, die es zu meistern und an der es zu wachsen gilt. Aber das gehört dazu, ich bin hier, um Erfahrungen zu sammeln und etwas zu lernen. Und nicht nur, um in der Sonne zu sitzen und Bier zu trinken. Das habe ich auch im Vorfeld des öfteren erwähnt. Ich habe wenig Erfahrung, aber bin lernfähig und lernwillig. Und bei entsprechender Unterstützung kann man mir auch einen 16-Meter Kat anvertrauen. Was ich mit diesem gelungenen Anlegemanöver unterstrichen habe.

Von der Hafenmeisterei lässt sich heute niemand mehr blicken. Auch am nächsten Morgen nicht. Wir machen es uns im Salon gemütlich, kochen schonmal das erste von vielen gehaltvollen Gerichten (Nudelauflauf), genießen einen französischen Rotwein und planen die nächste Etappe. Dann geht es zeitig in die Koje, da wir am nächsten Morgen früh los wollen. Bisher war der Törn erfolgreich (wenn auch mit verspätetem Start), aber ab morgen wird es ernst, dann geht es in die Biskaya.

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