Auf den Nachtwachen solch einer Transatlantik-Überquerung hat man viel Zeit zum Nachdenken. Zumindest, wenn nicht gerade Starkwind einsetzt oder sonst etwas passiert, dass ein schnelles Eingreifen erfordert. So betrachte ich in einer Nacht oben auf der Flybridge den Kartenplotter und fühle mich an die professionelle Astronomie erinnert.

Vom Auge zum Laptop

Früher schauten Astronomen durch das Okular eines Teleskops, um Beobachtungen durchzuführen. Später wurden die eigentlichen Messungen mit Hilfe von Fotoplatten durchgeführt, aber der Blick des Astronomen war dennoch nötig, zur Zentrierung des Objekts sowie zum Vornehmen von Belichtungseinstellungen.

Ich erinnere mich auch an ein Argument, das mir vor knapp 30 Jahren in den Sinn kam, als ich auf meinem Berufsweg eine Entscheidung bezüglich optischer Astronomie oder Radioastronomie treffen musste. Die Wahl fiel auf letzteres, weil der optische Astronom in seinem oben offenen Dom hinter seinem Teleskop sitzt und sich den Arsch abfriert, während der Radioastronom eher in einem klimatisierten Büro sitzt und gemütlich bei einer Tasse Kaffee auf das Eintreffen der Radiosignale wartet.

Nun ist, wie wir wissen, nicht nur das Argument für mich persönlich hinfällig geworden, habe ich doch während meiner aktiven Zeit als ESO-Astronom etliche Stunden am APEX-Teleskop in 5000 Metern Höhe bei mehr als eisigen Temperaturen verbracht. Auch das romantische Bild eines hinter seinem Teleskop sitzenden Beobachters entspricht schon lange nicht mehr der Realität. Heute werden Teleskope (sowohl optische als auch Radioteleskope) vom Computer aus gesteuert, sowohl Steuerung als auch Datenaufnahme laufen präzise und meist vollautomatisch ab, und der Astronom sitzt in der Tat in einem Büro und schaut den Falschfarbenbildern zu, wie sie sich auf dem Bildschirm mit zunehmender Beobachtungszeit immer detaillierter aufbauen.

… und zum Sessel-Segler

Etwas ähnliches ist in der Sportseglerei passiert. Als ich mich das erste Mal mit dem Thema beschäftigte, steckte die heute weitverbreitete Nutzung von GPS noch in den Kinderschuhen. Man benutzte Papierseekarten für die Navigation und segelte anhand der darauf ermittelten Kurse. Und das kann man auch heute noch machen. Aber auch beim Segeln hat die moderne Technik Einzug gehalten und nicht nur das Leben vieler Segler erleichtert, sondern das Segeln für viele erst zu einem genießbaren Sport gemacht. Ähnlich wie Navigationssysteme im Auto sind elektronische Kartenplotter heute die Regel, und man könnte praktisch blind in jeden beliebigen Hafen einfahren, denn auch andere Schiffe werden dank AIS auf den elektronischen Seekarten dargestellt.

Zugegeben, das Ganze bringt einen enormen Sicherheitsgewinn im Sportsegeln, dann das unzuverlässigste Glied im System ist wie immer der Mensch. Doch die Segelromantik bleibt dabei ein bißchen auf der Strecke. Wir haben auf der Ketoupa einen elektronischen Autopiloten, womit man das Ruder eigentlich kaum mehr anfassen muss, da eine Kurskorrektur durch Drücken von ein paar Tasten möglich ist. Wenn überhaupt, denn wenn wir den Autopiloten so einstellen, dass er den Winkel zum Wind konstant hält, können wir theoretisch tagelang fahren, ohne am Ruder oder der Segelstellung etwas ändern zu müssen.

Als Purist mag man das bejammern. Aber nun ist es auch so wie Peter, unser Skipper, sagt: Man kann immer noch mit Papierkarte und Gezeitentabellen in Küstenrevieren unterwegs sein, aber dann ist mitunter der Vormittag rum, bevor man eine machbare Route ausgearbeitet hat. Hier kann einem die Elektronik eine Menge Arbeit abnehmen. Und man hat, wenn man nicht ständig korrigierend am Ruder eingreifen muss, auch eine Menge Zeit gewonnen für andere Dinge. Ich mache – wie sollte es anders sein – während unserer Nachtwachen viele Beobachtungen des Sternenhimmels. Und zumindest das hat dann wieder etwas Romantisches. Vom Wieder-Erlernen der nördlichen Sternbilder (die sind bei mir nach 15 Jahren Chile etwas in Vergessenheit geraten), wobei das sogenannte „Wintersechseck“ bei der Orientierung am Himmel hilft. Bis zum ersten Auftauchen derjenigen Sternbilder, deren Namen schon an die großen Seefahrt-Abenteuer der vergangenen Jahrhunderte erinnern: Kreuz des Südens, Achterschiff, Segel oder Sextant, um nur einige zu nennen.

Dazu kommen die Planeten Venus, Jupiter und Saturn, die uns den Abendhimmel veredeln. Und mittlerweile warte ich auf den abnehmenden Mond, denn in den Abendstunden sollten nun bald auch die Magellanschen Wolken am Südhimmel auftauchen.

Ja, doch! Segeln kann noch sehr romantisch sein.

Das Wintersechseck über Ketoupa.
Die hellen Sterne des sogenannten „Wintersechsecks“ malen aufgrund der Schiffsbewegungen Spuren in den Himmel. Ausgehend vom hellsten Stern links, Sirius, folgen im Uhrzeigersinn: Prokyon, Pollux, Capella, Aldebaran (über der Mastspitze), und Rigel (und darüber der Orionnebel).

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