Nun sind wir ein paar Tage unterwegs seit unserer Abfahrt in Lanzarote, und es wird Zeit, mal wieder ein paar Gedanken zu Papier zu bringen. Es passiert eigentlich wenig unmittelbares, über das man unbedingt berichten müsste. Andererseits ist so ein Transatlantik-Törn natürlich auch alles andere als langweilig, da es immer „irgendetwas“ zu tun gibt. Was das genau sein könnte, hängt nicht nur von der Situation, sondern auch – und vor allem – von der Person ab.

Die Erwartungen

Was erwartet man eigentlich von einem wochenlangen Cruisen auf dem Atlantik? Will man schnell ankommen? Oder will man diese, nennen wir es mal Tätigkeit, idealerweise so lange wie möglich dehnen? Von Leuten, die es wissen müssen, haben wir im Vorhinein in etwa das Folgende gehört: Ein Transatlantiktörn von den Kanaren in die Karibik dauert circa drei Wochen. Die erste Woche ist man damit beschäftigt, seinen Rhythmus zu finden. Sowohl als Einzelperson wie auch als Crew. Es gilt, sich an den Tagesablauf zwischen Wache, Aufgaben an Bord und Freizeit zu gewöhnen. In der zweiten Woche ist man mitten drin. Es läuft, und man genießt die Überfahrt in vollen Zügen. In der dritten Woche hingegen hat man so langsam genug, und freut sich nur noch auf den Moment, in dem irgendjemand „Land in Sicht“ ruft.

Ich werde im Folgenden nur etwas von unserer ersten Woche erzählen, die wir mittlerweile (wir schreiben den 6. Dezember) hinter uns haben. Und da kann man grob festhalten, dass das oben Geschriebene stimmt…

Die Mahlzeiten

Wachplan der Ketoupa.
Wachplan der Ketoupa

Mit sechs Leuten und Bord und Zweierteams, die sich eine Wache teilen, folgen auf eine Wache immer zwei Freiwachen. Tagsüber haben wir drei Wachen mit jeweils vier Stunden, nachts dagegen vier Wachen mit jeweils drei Stunden. So kommt es, dass man zweimal am Tag „dran“ ist, sich aber die eigenen Wachen jeden Tag um eine Position nach vorne verschieben.

Als Konsequenz haben wir vereinbart, dass Frühstück und Mittagessen in der Verantwortung des Einzelnen liegen, wir aber versuchen, dass Abendessen gemeinsam einzunehmen. Das sollte heißen, dass die Abendwache (20 bis 23 Uhr) zumindest teilweise aus dem Salon geschieht, und die Zubereitung des Abendessens durch eine der Personen erfolgt, die am Spätnachmittag (16 bis 20 Uhr) frei haben.

Ketoupa-Küchenmafia
Günter und Marc beim Kochen

In der Praxis hat sich bei uns an Bord aber relativ zeitig eine „Küchenmafia“ etabliert. Irgendwann am frühen Nachmittag fragt jemand (normalerweise Marc) den faktischen Chefkoch Günter, was wir heute kochen wollen. Alternativ kann man natürlich auch rechtzeitig bei Günter anmelden, dass man heute kochen will, dann überlässt er einem schonmal die Küche. Aber es ergibt sich, dass in erster Linie Günter und in zweiter Linie Marc immer irgendwie dabei sind, wenn es an die Vorbereitung des Abendessens geht. Niemand an Bord empfindet das allerdings als nachteilig, im Gegenteil. Nur sollte man es tunlichst vermeiden, sich irgendwann im Laufe des Spätnachmittags einfach in die Küche zu stellen und anfangen zu kochen, ohne vorher mit Günter (oder zumindest Marc) Rücksprache gehalten zu haben.

Das Brotbacken ist dagegen eindeutig Peter’s Aufgabe. Zwischen Bordeaux und Lanzarote schon unzählige Male geübt, hat er es mittlerweile zur Perfektion gebracht. Wir haben also immer leckeres frisches Brot an Bord.

Nessun Dorma

Der Sundowner. Laut Wikipedia ein alkoholisches Getränk, das zum Sonnenuntergang getrunken wird. Wo kann man einen Sundowner besser zelebrieren als auf einer Segelyacht, die in südwestlicher Richtung fährt, also praktisch auf die untergehende Sonne zu?

Wir haben nun so einiges an alkoholischen Getränken an Bord, und der Klassiker für die genannte Aufgabe ist ein kühler Gin Tonic. Ich bin zunächst einfach mal nur freudig überrascht, als Markus in der Pantry am mixen ist. Dass sich hier gerade eine tagtäglich gern zelebrierte Gewohnheit etabliert, wird klar, als Günter mit Puccini’s „Nessun Dorma“ die entsprechende Hintergrundmusik zum Sonnenuntergang einspielt. Diese fünf bis zehn Minuten, die wir hier gemeinsam auf der Flybridge verbringen, den Blick auf die untergehende Sonne gerichtet, kann ich jeder Crew nur empfehlen. Es ist so eine Art Würdigung und Anerkennung des Tageswerks, der hinter sich gelassenenen Seemeilen, die hier vonstatten geht. Einer der schönsten Momente des Tages.

Natürlich bleibt es über die Tage nicht beim Gin Tonic. Am vierten Tag seit Abfahrt aus Lanzarote ist es meine Aufgabe, passend zum anschließend folgenden mexikanischen Abendessen ein paar Margaritas als Sundowner zu mixen. Das gelingt mir auch ausgesprochen gut (dank meines langjährigen Trainings, könnte man jetzt sagen). Ich höre jedenfalls im Nachhinein nur positive Stimmen.

Autopilot und Bullenstander

Ach ja, über das Segeln sollte ich vielleicht auch noch ein paar Worte schreiben. Vorwindsegeln auf einem Katamaran ist schon etwas deutlich anderes als auf einem Einrumpfboot, da die hinteren Wanten verhindern, dass man das Segel zu sehr öffnet. Dadurch ist, je nach Wellengang und Wind, praktisch immer die Gefahr einer sogenannten Patenthalse (einer unfreiwilligen Halse) gegeben. Dies verhindert man mit einem sogenannten Bullenstander. Nachteil dieser Anordnung ist die begrenzte unmittelbare Manövrierbarkeit. Will man das Großsegel auf den anderen Bug nehmen, was mitunter schon bei relativ kleinen Änderungen der Windrichtung sinnvoll erscheint, muss zunächst der Bullenstander gelöst und anschließend auf der anderen Seite neu angebracht werden. Daraus folgt eine gewisse „Segelfaulheit“ bei diversen Crew-Mitgliedern, frei nach dem Motto „Wenn das Segel erstmal steht, lassen wir es besser stehen. Lieber ein bißchen anluven“. Mitunter fährt man dann natürlich Schlangenlinien. Im Logbuch erkennt man das daran, das bei einigen Wachen deutlich mehr Segelmanöver durchgeführt werden als bei anderen…

Marc hat es sich unterdessen zur Aufgabe gemacht, unserem elektronischen Kartenplotter und dem Autopiloten sämtliche geheimen Funktionen zu entlocken. Sofern er die gewonnenen Erkenntnisse im Anschluß mit der nächsten Wache teilt, ist das sicher eine dankbare Aufgabe. Sofern dies ausbleibt, hat man natürlich das Problem, das man eine gewünschte Anzeige nun beim besten Willen nicht mehr finden kann. Aber dafür wissen wir jetzt immer, wie weit es noch bis zur TI Robinson Bar auf Guadeloupe ist…

Ach ja, die Anzeigen und der Autopilot. Unser eingebautes B&G Navigationssystem hat alles, was das Seglerherz begehrt, und vieles, von dem man vor ein paar Jahrzehnten noch nicht zu träumen wagte. Man kann wählen zwischen rechtweisendem und Magnetkurs, man kann sich Wind, Strömung, Fahrt durchs Wasser und über Grund anzeigen lassen, ganz zu schweigen von den elektronischen Seekarten. Okay, wer heute segelt, für den ist das vielleicht Standard (je nach Budget), aber das war es eben nicht immer. Und das ganze System bietet auch eine Menge, sagen wir mal Spielereien, die man vielleicht nicht unbedingt braucht, aber die gelangtweilten Nachtwachen eine überaus interessantes Betätigungsfeld bieten können.

Den scheinbaren und wahren Wind bekommt man natürlich auch angezeigt. Was aber nur etwas nützt, wenn man die Anzeigen auch im Auge behält. Wenn man stattdessen während seiner Wache im Salon sitzt, lecker frühstückt und Käffchen trinkt, kann man schonmal von ein paar Bootsbewegungen überrascht werden, weil man die Windböen nicht bemerkt hat. So geschehen am 5. Dezember. Günter und mir. Zum Glück waren Peter und Marc auch schon auf den Beinen, so dass wir mit vereinten Kräften in den Wind gehen und am Groß ins zweite Reff (für Nichtsegler: die Segelfläche verkleinern) gehen konnten.

Leider hatte ich meine GoPro nicht zur Hand (und musste auch mit anpacken), dadurch sind die vier oder fünf Wellen nicht dokumentiert, die beim Anluven bis auf die Flybridge kamen und Günter jedes Mal (!) komplett geduscht haben. Schade eigentlich… aber in dem Moment waren meine Gedanken dann auch eher bei der Sicherheit des Bootes, denn bei einer Lagoon 52 hat man schon eine ganz ordentliche Segelfläche, und die angreifenden Kräfte sind natürlich auch dementsprechend.

Und Günter’s Salzwasserdusche war nicht das einzige Resultat unserer Unachtsamkeit. Der über den gesamten Salon verteilte Inhalt einer Kaffekanne war ein weiteres. Und wir haben natürlich auch wieder etwas gelernt: Lieber zu früh reffen als zu spät. Oder wie Peter mir bestätigt: das schwächste Glied beim Segeln ist nicht das Segel oder die Wanten (oder gar der Mast), sondern der Mensch.

Ketoupa unter vollen Segeln
Ketoupa unter voller Segeln

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.