Die meisten werden es in den Nachrichten mitbekommen haben, auch wenn es aufgrund anderer Nachrichten (Syrien, Katalonien, Hongkong, Brexit) in den Medien ein bisschen unterging: Es ist was los in Chile!

Dieses Land, welches vor 15 Jahren meine zweite Heimat geworden ist, war seit dem Ende der Militärdiktatur 1989 eigentlich ein Musterstaat. Ohne Revolutionen, Bürgerkriege oder sonstige Wirren. Eigentlich, denn der von Pinochet eingeführte Neoliberalismus hatte sich mit der Zeit zu einem Pulverfass entwickelt. Bildung, Gesundheit und das Rentensystem wurden privatisiert, und das starke Wirtschaftswachstum Chiles spiegelte sich nur zum Teil in den Einkommen der unteren sozialen Schichten wieder. Die politische Elite gönnte sich – unabhängig von der politischen Ausrichtung – mit der Zeit immer höhere Bezüge, und die Schere zwischen Arm und Reich öffnete sich immer weiter. Wer schon einmal in Chile war, weiß, dass das Preisniveau hier, abgesehen von den nötigsten Dingen des alltäglichen Lebens, durchaus europäische Werte erreicht. Dahingegen muss ein Großteil der Bevölkerung mit 800 Euro oder weniger im Monat zurechtkommen.

Wie fing es an?

Es war also nur eine Frage der Zeit, dass etwas passieren würde. Und nun ist es soweit. Eine kleine Erhöhung der Fahrpreise für die Metro (U-Bahn) Santiagos führte zunächst zu relativ friedlichen Protesten, wobei Schwarzfahren noch der übliche Ausdruck der Unzufriedenheit war. Erst, als Carabineros (die staatliche Polizei) dagegen vorging, entlud sich die Wut der Bürger.

Gewalt in Chile
Gewaltsame Proteste in Chile. (c) Publimetro Chile

Nach einer ersten Welle der Gewalt, in der ein Großteil der Metro-Stationen zumindest teilweise zerstört wurde, kam es in den darauffolgenden Nächten zu Plünderungen und Brandstiftungen, während der Großteil der Menschen tagsüber friedlich auf die Straße ging. Vergangenes Wochenende war die Metro geschlossen, und auch der Busbetrieb wurde zeitweise eingestellt. Der Ausnahmezustand, inklusive einer nächtlichen Ausgangssperre, wurde verhängt. Viele erinnerte das an die Jahre der Militärdiktatur, während die Schlangen vor den Supermärkten und an den Tankstellen (sofern diese überhaupt geöffnet waren), einen an ein sozialistisches Land denken ließen. Die Situation griff auch auf die anderen Regionen Chiles über, und recht schnell war klar, dass es nicht um Fahrpreise ging, sondern um soziale Probleme größeren Ausmaßes.

Rückkehr zum Alltag

Mittlerweile – seit dem Beginn der gewaltsamen Ausschreitungen ist eine Woche vergangen – kehrt langsam der Alltag zurück. Massendemonstrationen gibt es nach wie vor, nächtliche Plünderungen auch. Sukzessive öffnen Geschäfte und Supermärkte wieder ihre Türen, und die Chilenen versuchen irgendwie, ihrem Arbeitsalltag nachzukommen. Zumindest die, die nicht demonstrieren.

Einige Metro-Linien fahren wieder. Der Gesamtschaden (alleine der Metro) wird auf 380 Millionen Dollar beziffert – eine Zahl, die sich sicher noch erhöhen wird. Am schlimmsten betroffen von den Zerstörungen der Infrastruktur sind die Satellitenstädte Maipu und Puente Alto im Süden der Metropolregion Santiago. Gerade dort leiden die ärmeren Bevölkerungsschichten jetzt unter den Auswirkungen, da viele von ihnen in Santiago arbeiten und nun wieder mehrere Stunden für den täglichen Arbeitsweg einkalkulieren müssen.

Demonstration in Santiago
Friedliche Demonstration im Zentrum Santiagos. (c) Ibero Americana Radio Chile

Auch sind die sozialen Probleme nicht gelöst. Präsident Piñera hat ein Maßnahmenpacket versprochen, das aber mehr an Flickschusterei als an eine wirkliche Lösung erinnert. Speziell die hohen Kosten für Schulen und Universitäten wurden bisher nicht erwähnt, dabei ist erschwingliche Bildung für alle (meiner Meinung nach) ein Grundpfeiler einer stabilen und nachhaltigen Gesellschaft. Das Militär patroulliert weiterhin auf den Straßen, und interessanterweise hegen viele junge Leute, welche die Ära Pinochet selbst nur vom Hörensagen kennen, ein Grundmisstrauen gegen Armee und Polizei.

In den sozialen Medien werden dieser Tage dermaßen viele Fake-News über die Situation verbreitet, das man besser damit bedient ist, dem (nach Meinung der Kritiker regimetreuen) Fernsehen zu glauben als den „Nachrichten“ auf Facebook und Instagram. Allerdings gibt es auch einige offene Fragen: Wieso bemüht sich das Militär so, den Marsch friedlicher Demonstranten in die wohlhabenden Stadtteile wie Las Condes zu verhindern? Während in Puente Alto nach wie vor Supermärkte brennen, wo die Präsenz der Streitkräfte eher vonnöten wäre? Wieso ist Piñera heute so verhasst, wenn ihn vor nicht einmal zwei Jahren die Mehrheit zum Präsidenten gewählt hat, und außerdem ein Großteil der momentanen Situation auf vorherige Regierungen zurückgeht?

Die Zukunft

Im Moment ist es wohl noch zu früh, zu sagen, wo die momentane Situation hinführt. Da die sozialen Probleme noch nicht wirklich gelöst sind, und es weiterhin zu Ausschreitungen kommt (allerdings eher punktuell), ist hier alles möglich.

Als ich vergangenen Montag zwei Stunden in einer Schlange vor dem Supermarkt stand, habe ich mich natürlich mit anderen Leuten über die Situation ausgetauscht. Eine Venezolanerin ist froh, dass man in Chile trotz aller Probleme wenigstens seine Meinung frei äußern kann, was in ihrem Heimatland oder zum Teil auch in Bolivien nicht mehr möglich ist. In dieselbe Richtung gehen die Äußerungen einer älteren Chilenin, die Angst davor hat, dass sich in Chile langfristig eine sozialistische Diktatur etablieren könnte. Und solange es zu Plünderungen kommt, wird vermutlich die Militärpräsenz anhalten, deren Ende für viele ein Zeichen des guten Willens von Seiten der Regierung wäre.

„Chile despertó!“ Chile ist erwacht. Hoffen wir, dass es weder ein weiteres Mal einschläft, noch sich im Wunsch nach Veränderungen selbst zerfleischt.

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